Interview mit Rainer Karcher: Green IT als europäische Verantwortungstat: Digitalisierung und Nachhaltigkeit verbinden
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Vor einiger Zeit haben wir gemeinsam mit der Crew von CodeCamp:N einen Workshop mit Rainer Karcher, Gründer von Heartprint, durchgeführt, um herauszufinden, was Nachhaltigkeit für uns und unsere Kund:innen praktisch bedeuten kann. Dabei entstand der CodeCamp:N-Beipackzettel für Energieeffizienz, den wir zusammen mit Rainer entwickelt haben. Unsere Kund:innen erhalten ihn auf Wunsch bei jeder individuellen Softwarelösung, um eine nachvollziehbare Übersicht darüber zu bekommen, wie viel Energie die jeweilige Anwendung verbraucht und wo Einsparpotenziale liegen.
Dieser Austausch hat aber nicht nur unseren Kund:innen einen Mehrwert gebracht, sondern auch intern einiges angestoßen: von der Idee, Räume im Winter in den „Winterschlaf“ zu schicken, bis hin zu Initiativen, gebrauchte Hardware weiterzugeben, statt sie zu entsorgen. Kürzlich haben wir uns erneut mit Rainer zusammengesetzt, um über aktuelle Entwicklungen zu sprechen und seine Einschätzung dazu zu hören, wie Unternehmen nachhaltig und digital zugleich zukunftsfähig werden können.
Vom IT-Profi zum Nachhaltigkeits-Pionier
Rainer erzählt, wie bei ihm alles begann:
Ich bin nicht Natural Born Green. Meine Karriere startete in der IT, und das Thema Nachhaltigkeit kam erst privat, als ich mich gefragt habe: In welcher Welt wachsen eigentlich meine Kinder auf?
Aus dieser persönlichen Frage heraus stellte er erst sein eigenes Konsumverhalten um: Bio, faire Produkte, nachhaltige Kleidung und zog später die Brücke in die berufliche Praxis.
Footprint, Handprint, Heartprint: so habe ich IT und Nachhaltigkeit zusammengebracht und auch das Herz einbezogen.
Über den Begriff Nachhaltigkeit in der IT sagt er:
Ich benutze das Wort Nachhaltigkeit inzwischen gar nicht mehr so gern. Es wird so schnell auf Öko reduziert und wirkt irgendwie einengend. Klar, bei IT spielt es eine Rolle: Energieverbrauch,Kühlung von Rechenzentren und so. 2020 hat man das noch klein geredet: ‘Ach, das sind doch nur zwei, drei Prozent, vergleichbar mit dem Flugverkehr.’
Heute, mit der ganzen KI-Nutzung, ist der Energieverbrauch richtig nach oben geschossen, und plötzlich steht das Thema in einem ganz anderen Licht da.
Digitalisierung als Hebel für Nachhaltigkeit
Wir wollten von Rainer wissen, wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit zusammenhängen. Er macht deutlich, dass Nachhaltigkeit weit mehr umfasst als ökologische Themen:
Nachhaltigkeit ist nicht nur Öko. Es geht genauso um Verantwortung, Ethik und digitale Souveränität. Zukunftsfähigkeit entsteht, wenn Unternehmen wissen, was sie tun und wie abhängig sie dabei von anderen sind.
IT kann dabei ein echter Hebel sein: durch energieeffiziente Rechenzentren, das Refurbishment gebrauchter Geräte oder datengetriebene Entscheidungen, die sowohl Kosten als auch Emissionen reduzieren.
Pragmatisch starten und die Mitarbeitenden mitnehmen
Rainer beobachtet häufig, dass Unternehmen den Wandel unnötig verkomplizieren.
Ein einfaches Beispiel: Geräte, die sonst entsorgt würden, können von sozialen Inklusionsunternehmen aufbereitet werden. Das spart Ressourcen, entlastet Budgets und unterstützt gleichzeitig gesellschaftliche Initiativen.
Ein weiteres konkretes Beispiel aus der heutigen KI-Praxis: Mit der steigenden Nutzung von Large Language Models lohnt es sich genau hinzuschauen, wann deren Einsatz wirklich sinnvoll ist – nicht nur aus Kostengründen, sondern auch aus Sicht der Energieeffizienz. Wenn Mitarbeitende ein unternehmensinternes LLM nutzen, um etwa Rezepte oder andere Routineaufgaben zu generieren, verursacht jeder Abruf Kosten und Energieverbrauch und damit Emissionen. Mit gezielter Awareness, transparenter Kommunikation und entsprechenden Schulungen lässt sich vermitteln, wann der Einsatz sinnvoll ist und wann eben nicht.
Rainer verweist dabei auf die Forschung von Johanna Gollnhofer. Sie beschreibt das in ihrem Buch „Das 60%-Potential“ sehr anschaulich: 20 % der Menschen sind bereits leidenschaftlich bei Nachhaltigkeit und Digitalisierung dabei, die muss ich nicht überzeugen. Weitere 20 % stehen am anderen Ende, und die restlichen 60 % kann man gezielt mitnehmen.
Die Rolle von Führungskräften im Wandel
Auch Führung spielt aus Rainers Sicht eine zentrale Rolle:
Es hilft ja nicht, wenn irgendwo im Unternehmen jemand sitzt, der eine Aufgabe kriegt und der Rest macht weiter wie bisher.
Gerade in Zeiten von KI, Automatisierung und Fachkräftemangel braucht es klare Visionen, gute Leitplanken und Teams, die eigenständig Lösungen entwickeln können. Gleichzeitig haben sich Rollen wie der Chief Sustainability Officer oder der Chief Digital Officer verändert: Vor ein paar Jahren noch populär, tauchen sie heute in vielen Organigrammen kaum noch auf.
Wer Transformation nicht als Chance versteht, verpasst die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.
Die entscheidende Frage bleibt: Wo steht Nachhaltigkeit heute und was bedeutet sie für diejenigen, die mit Green IT, Ethik oder digitaler Souveränität bisher wenig anfangen konnten?
Twin Transformation: Digitalisierung und Nachhaltigkeit gemeinsam denken
Rainer bringt diesen Ansatz klar auf den Punkt:
Digitalisierung kann Prozesse effizienter machen, Transparenz schaffen und Nachhaltigkeitsziele stützen. Dann wird IT nicht länger nur als Kostenfaktor gesehen, sondern als Baustein für die Zukunft.
Ein konkretes Praxisbeispiel zeigt, wie stark dieser Ansatz wirken kann: Ein Unternehmen konnte durch die Verbindung von IT und Nachhaltigkeit nicht nur Reporting und Transparenz verbessern, sondern sich gleichzeitig kosteneffizienter und strategisch zukunftsfähiger aufstellen.
Daraus leitet Rainer seine zentrale Botschaft ab:
Startet Green IT als europäische Verantwortungstat. Nutzt Technologie, um Kosten und Emissionen zu senken, digitale Souveränität zu stärken und zeigt, dass Zukunftsfähigkeit nur mit Ethik, Haltung und Mut entsteht.
Seine Erfahrung zeigt: Digitalisierung und Nachhaltigkeit gehören untrennbar zusammen. Wer beides bewusst kombiniert, schafft echten Mehrwert: für Menschen, Unternehmen und unsere gemeinsame Zukunft.
Zum Schluss noch ein herzliches Dankeschön an Rainer Karcher für das offene Gespräch die vielen Impulse und die klare Haltung, mit der er Digitalisierung und Nachhaltigkeit zusammenbringt.
Danke für die Zeit und den inspirierenden Austausch.

